"Je später der Abend" (Januar 1977)

 

MÜNCHENHAGEN: Herr Kinski, in Deutschland oder, wie wir es sagen, in der Bundesrepublik, ist es ruhig geworden um Sie...

KINSKI: Ich versteh die Frage nicht, das ist Unsinn, es hat keinen Sinn darüber zu reden! Erstens bin ich nie geil danach gewesen, Schlagzeilen zu machen, außerdem kann man keine Schlagzeilen in Amerika machen, wenn man im Allgäu ist, zum Beispiel, nicht? Ich versteh nicht, warum Sie sagen – na klar ist es ruhig um Sie! Wo Sie nicht sind, ist es ruhig um Sie! Ich verstehe die Aussage nicht, ist vollkommen sinnlos, ich weiß gar nicht, was Sie damit sagen wollen!

MÜNCHENHAGEN: Das war auch weniger als Aussage denn als Frage gemeint, ich sage das auch gerne noch mal deutlich, damit wir uns nicht falsch verstehen, da lag auch überhaupt kein Vorwurf drin, vielleicht habe ich Sie ja auch falsch verstanden…

KINSKI: Die meisten Menschen verstehen mich falsch!

MÜNCHENHAGEN: Lassen wir uns doch wenigstens den Versuch machen, ob wir es nicht doch schaffen, uns in dem Punkt richtig zu verstehen! Wenn ich Sie richtig verstanden habe, auch in Ihrem Buch...

KINSKI: Haben Sie das gelesen?

MÜNCHENHAGEN: Ich habe das gelesen!

KINSKI: Wie heißt denn das?

MÜNCHENHAGEN: Ist die Frage jetzt ernst von Ihnen?

KINSKI: Im Ernst, ja...

MÜNCHENHAGEN: Das Buch heißt - es sei denn, Sie hätten mehrere geschrieben - aber das Buch, das ich gelesen habe, heißt: Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund!

KINSKI: Und ist erschienen...?

MÜNCHENHAGEN: ... bei welchem Verlag?

KINSKI: Ich habe dem Verlag versprochen, dass ich es heute immer wiederhole...

MÜNCHENHAGEN: Und wir haben es jetzt gesagt…

KINSKI: Es ist erschienen im Verlag Rogner und Bernhard...

MÜNCHENHAGEN: Und ich kann Ihnen sagen, was Herr Kinski Ihnen jetzt noch sagen möchte, dass die Leute dieses Buch kaufen müssen, weil es eines der besten ist, das man kaufen kann...

KINSKI: Sie müssen nicht, keiner muss irgendwas...

MÜNCHENHAGEN: Bei dem, was ich gelesen habe, gibt es zwei, drei andere noch, die auch ganz gut sind, glaube ich...

KINSKI: Doch, natürlich, es gibt unheimlich viele Bücher! Trotzdem kann ja mein Buch gut verkauft werden, nicht?

MÜNCHENHAGEN: Wenn ich Sie richtig verstanden habe in Ihrem Buch, dann soll es bei Ihnen einen Zeitpunkt gegeben haben, an dem Sie selber gesagt haben: Die Art und Weise, wie ich bisher gelebt habe, war falsch, ich will ruhiger und auch anders leben!

KINSKI: Okay, das haben Sie mit Sicherheit nicht falsch verstanden, aber das Buch ist im Telegrammstil ge­schrie­ben, das heißt, man kann nicht alles sagen, was man sagen will, sonst werden es dreitausend Seiten, und es waren auch dreitausend Seiten, und der Verlag meinte, es wäre zu dick! Es kommt auch auf die Intepretation an, nicht? Man muss bei allem, was so schnell und im Telegrammstil geschrieben ist, zwischen den Zeilen lesen: Dabei habe ich den Kommentar ausgelassen zu der Geschichte, was eigentlich Beruf ist! Es ist eine lange Geschichte, da würden die Leute einen dicken Kopf kriegen! Ich habe gesagt, ich habe die Schnauze voll von dem, was ich gemacht habe, das heißt aber nicht, dass ich so wahnsinnig an Minder­wertigkeits­komplexen leide, dass ich sagen würde, ich hätte nur Scheiße in meinem Leben gemacht, das wäre Unsinn, wenn man das so verstehen würde! Also nicht so sehr stimmt das, was Sie ohne Ihre Schuld so verstanden haben, es stimmt nicht, dass ich meinen Beruf und meine Berufung falsch aufgefasst hätte, das wäre Unsinn, wenn man das so verstehen würde! Sondern dass ich seit langer Zeit danach suche, warum ist man eigentlich Schauspieler, aus welchem Grund, wie auch immer! Das heißt, es schließt all die Fragen und Antworten ein: Was können Sie? Alles! Es schließt dabei auch ein – diese dumme und wirklich be­schränkte Uniformiertheit in Deutschland, diesen Kasernenhof-Jargon, den eine Zeitung von der anderen übernimmt: Der vom Dienst, der Mörder vom Dienst, der Verbrecher vom Dienst. Neulich bin ich irgendwo vorüber gekommen, da habe ich gelesen: Der jugendliche Diaboliker. Gut, Sie lachen darüber – ist mir scheißegal, ein Diaboliker vom Dienst oder Verbrecher vom Dienst oder Mörder vom Dienst oder das oder das zu sein! Ich könnte dieselbe Antwort geben: Alles! Wenn man wirklich Schauspieler ist, so ist man alles! Je nachdem, wieviel man bezahlt! Man kultiviert oder, wie sagt man, bringt es zum Wachsen in sich! Ein englischer Schauspieler, der größte Schauspieler aller Zeiten hat gesagt: Ich spiele nicht, ich bin das - und deswegen bin ich nichts! Und er ist sein ganzes Leben lang von dieser Qual besessen gewesen! Für mich war der Grund immer viel wichtiger: Warum bin ich das? Es ist einfach ungesund, insane...

MÜNCHENHAGEN: Ich wollte genau in die Richtung, Herr Kinski, lassen Sie mich von der Stelle kommen! Ich wollte überhaupt nicht auf die beknackten Klischees mit dem Mörder vom Dienst hinaus, das hat man nun oft genug lesen können! Ich wollte was anderes wissen. Nochmal mit der Vorbemerkung – ich glaube, ich weiß sogar, auf welcher Seite ich das gelesen habe, da sagen Sie in Ihrem Buch, ich bin so voll von Liebe, dass ich immer wieder ausströme... also jetzt in meinen Worten.

KINSKI: Mhm...

MÜNCHENHAGEN: Wenn man die Reaktionen darauf verfolgt...

KINSKI: Die Frage ist nicht fair, ob nun vor einem Millio­nenpublikum oder allein in einem Zimmer, es wäre nicht fair, wenn man dem anderen nicht zugestehen würde, um die Frage richtig zu verstehen, jederzeit mit einer Gegen­frage zu unterbrechen: Was meinen Sie denn eigentlich mit der und der Frage? Ich glaube, es wäre sehr gesund, wenn man sich überhaupt nur auf diese Weise unterhalten würde, um die ganzen Missverständnisse nach und nach auszu­schalten! Was meinen Sie damit?

MÜNCHENHAGEN: Herr Kinski, ich habe versucht, Sie sinngemäß zu zitieren, jetzt fragen Sie mich, was ich damit meine, das verstehe ich nicht! (Applaus)

KINSKI: Nein, wiederholen Sie Ihre Frage, nein, nein! Sie haben mich hierhin gesetzt, Sie haben diesen Satz von mir sinngemäß wiederholt – wenn auch nicht ganz präzise, aber ist egal – um mir eine Frage damit zu stellen, um eine Antwort von mir zu erfahren, ja, und ich bitte Sie, Ihre Frage zu wiederholen, weil ich die Frage so nicht beantworten kann...

MÜNCHENHAGEN: Das will ich gern tun! Meine Frage war: Wenn es so ist, dass Sie von so viel Geben an Liebe auf diese zum großen Teil dümmlichen Reaktionen gestoßen sind, ist dann Ihr Geben an Liebe nicht immer sehr viel mehr gewesen als das, was Sie empfangen haben?

KINSKI: Ich weiß jetzt, warum ich Sie unterbrochen habe, ich habe Sie zu früh unterbrochen, es war mein Fehler! Sie haben gesagt: Wie man auch immer darauf reagiert hat... wer? Das ist nämlich die Frage: Wer?

MÜNCHENHAGEN: Ich meine zum Beispiel das Publikum auf Ihren Tourneen, ein Publikum, das Sie ja größtenteils...

KINSKI: Ich will hier keinen Kniefall vor dem deutschen Publikum machen, aber ich muss sagen, dass ich hoffe, dass uns hier und heute möglichst viele zusehen, denn ich muss sagen, dass das deutsche Publikum eins von den großar­tigsten und fantastischsten ist und speziell in meinem Fall war - jetzt habe ich aufs Mikrofon gehauen, ist egal! Ich weiß gar nicht, worauf Sie hinauswollen - Moment, ich will dem gleich vorausgreifen, damit wir nicht so viel Zeit verlieren mit Dingen, die nicht stimmen, außerdem ist das auch nachweisbar - ich habe auf den Tourneen.... (zu einem Zwischenrufer) da ist ja auch wieder so ein Witzbold! Mir hat vorhin jemand hinter den Kulissen gesagt, dass die Leute sich unheimlich drängeln, hier zu sitzen und, ich hoffe, das Maul zu halten, sonst geh ich nämlich, und die Show ist ja dazu da, dass wir hier sind, oder? Na also, dann seien Sie doch gefälligst ruhig! Sie sind einer von diesen Leuten, von denen dieser Münchhausen hier redet oder Münchenhagen oder wie der heißt... (Applaus) Ich werde Ihnen mal etwas sagen (zu Münchenhagen) - ich werde IHNEN mal etwas sagen: Eine von den letzten Tourneen, die ich gemacht habe, nicht die letzte, aber eine von den letzten, war die Tournee mit den klassischen Monologen im Berliner Sportpalast vor vierein­halb­tau­send oder fünftausend Besuchern: Da haben die Leute im Zuschauerraum sich meinetwegen blutig geschlagen. Ich musste bis mor­gens um zwei die Monologe wiederholen, weil die Leu­te nicht nach hause gegangen sind. Das ist also - es mangelt mir nicht an Bescheidenheit, auch leide ich nicht an Größenwahn, das gibt es nicht, ein Beispiel dafür! Einer war besoffen und wollte die Vorstellung stören und wurde rausgeschmissen, und irgendwelche andere besoffene oder nicht besoffene gleichartige Idioten haben das als ein Alarmsignal empfunden, und einer von denen ist jetzt hier! Und mir würde er auch auf den Keks gehen! Das war sogar ziemlich schlecht organisiert, die Rolling Stones sind viel besser organisiert, als ich es war, weil die ihn nun wirklich gleich zusammenschlagen würden, und ich finde es auch richtig, denn jemand, der eine Show macht, ist der Boss, und ich respektiere das ganz genauso, wenn ich zahlender Zuschauer bin, ich habe nie im Leben darüber diskutieren müssen! Wenn ich einen Husten hatte, bin ich zuhause geblieben, nicht nur um nicht die Vorstellung, sondern auch um den neben mir nicht zu stören! Ist eine Erziehungsfrage, verstehen Sie, eine Frage, wie man sich benimmt! (Applaus) Dankeschön! - Wenn jemand eine Show stört, welche Show auch immer, im Parlament, auf dem Fußballplatz, im Zirkus, wenn einer auf dem Seil lang läuft, oder in der Oper, ist ja allgemein bekannt, braucht man nicht immer wieder zu erklären, wird als selbstverständlich empfunden! Das ist nur so gratis! Wir waren noch viel zu gutmütig!

MÜNCHENHAGEN: Nur wenn Sie und Ihre Manager eine Halle mieten, dann tun Sie es doch für das Publikum! Es hat doch dafür gezahlt!

KINSKI: Logischerweise, sonst kann man ja auch alleine zuhause onanieren! Ist ja lächerlich!

MÜNCHENHAGEN: Ich geh nicht davon aus, dass das Publikum bewusst stört. Aber das Publikum muss doch die Möglichkeit haben...

KINSKI: Nein, nein, das Publikum hat nicht die Möglich­keit zu stören, das ist ein ganz großer Irrtum! 99% der Zu­schauer, größtenteils Erwachsene, auch Kinder, haben sich fantastisch benommen! Also wer hat jetzt recht? Der da - weil er einen Bart trägt? Oder die anderen? Das ist ja einfach lächerlich, wenn wir darüber diskutieren, wer recht hat, nicht der Masse wegen, ich habe in Wien erreicht: Bei Vivaldi haben die Leute in der Oper gehustet, bei mir nicht, weil ich sage: Wenn ihr nicht aufhört zu husten, geh ich nach hause, mein Geld habe ich bereits! Und die Leute haben nicht gehustet bei mir, verstehen Sie? (Applaus) Vielleicht haben die Hustenbonbons!

MÜNCHENHAGEN: Das verstehe ich durchaus, dass Sie das stört, dass die Leute husten. Das ist überhaupt keine Frage. Aber die Leute müssen doch etwas anderes tun können, als Sie sich vorstellen, als die Schnauze zu halten...

KINSKI: Wozu? Ich habe nie gesagt: Kommt, kommt, lasset die Kindlein zu mir kommen! Habe ich nie behauptet, verstehen Sie? Man bezahlt dafür, hat da zu sitzen, und dann hat man sich auch dem anderen gegenüber neben sich anständig zu benehmen, ist doch völlig klar, oder brauchen wir da eine Diskussion drüber?

MÜNCHENHAGEN: Nein, darüber gibt es keine Diskus­sion, dazu gibt es vielleicht eine Frage...

KINSKI: Fragen gibt es immer, andauernd, endlos, Fragen, Fragen, Fragen... Ich frage auch unterbrochen!

MÜNCHENHAGEN: Eben.

KINSKI: Es ist nur die Frage, ob es eine Antwort gibt auf die Frage und ob die Antwort befriedigend ausfällt, das können Sie bei allen Gelegenheiten fragen! Das ganze Gesetz ist ja so aufgebaut, hier kommen Sie ins Gefängnis, wenn Sie mit einem 14jährigen Mädchen schlafen, und im Orient verheiraten die sich mit 11 Jahren, was ist das für ein Unsinn? Jeder versteht alles auf der Welt falsch! In Frankreich macht es einem Spaß, weil die Leute wirklich danach suchen, sich mit einem zu verständigen und nicht immer in irgendwelchen Müllkisten rumbohren, wie Nasenbohren, das ist alles so sinnlos!

MÜNCHENHAGEN: Im Moment bemühe ich mich nur darum, von Ihnen etwas rauszukriegen...

KINSKI: Ich will damit nur sagen, die Interpretation der Sprache wird mir immer klarer, wird immer mehr Teil von meinem Leben, die Erkenntnis: Die Sprache ist das Gefährlichste überhaupt, was es gibt, egal welche Sprache Sie sprechen! Das Missverständnis ist so permanent, ununterbrochen, bei einer ganz simplen Unterhaltung! Sie unterhalten sich mit mir, ununterbrochen, über Dinge, die eigentlich kleine Kinder längst wissen: Man stört den andern nicht, verstehen Sie?

MÜNCHENHAGEN: Stör ich Sie?

KINSKI: Nein, man stört keine Vorstellung! Sie sagen, die Leute haben doch recht und dürften doch und müssten doch – ja, was denn noch alles? Autos anstecken und so? Man macht es! Ich lese keine Zeitungen...

MÜNCHENHAGEN: Aber woher wissen Sie es, wenn Sie keine Zeitung lesen?

KINSKI: Ich seh es auf den Straßen, in Paris, überall, wo ich bin! Man hat kein Recht, Ihr Auto umzustoßen, selbst wenn Sie nur ins Kino wollen, und man weiß ja noch nicht mal, wo Sie hinwollen! (Applaus) Verstehen Sie?

MÜNCHENHAGEN: Ja...

KINSKI: Man darf das alles ungestraft...

MÜNCHENHAGEN: Das ist nicht wahr...

KINSKI: Doch. Ich will damit nur sagen, ich meine es nicht polemisch, sondern einfach, weil es einem auf die Nerven geht. Ich hoffe, dass Sie ein bisschen über mich wissen!

MÜNCHENHAGEN: Ich habe Sie doch gar nicht angegriffen...

KINSKI: Ich habe niemals in meinem Leben weder auf der Straße noch sonstwo über jemanden gelacht, ob nun einer noch so komisch gegrinst hat, ich habe mich nur gewehrt, ist mein gutes Recht, nicht? Wenn ich aber eine Vorstellung gebe und meine Leute neben mir habe, dann sage ich: Passt mal auf, da hinten steht einer... tragt den raus oder weißichwas... das ist noch sehr nett!

MÜNCHENHAGEN: Ich wollte Sie noch was anderes fra­gen, in der Hoffnung, dass wir uns nicht falsch verstehen...

KINSKI: Denn die Leute, die so stören, die tauchen ja immer nur im Plural auf, in der Mehrzahl, die existieren ja gar nicht im Einzelfall. Er hat sich ja auch nur zu Wort gemeldet, weil er die Chance einmal in seinem Leben hat, vor der Kamera zu sein! (Zum Zwischenrufer) Ist ja gut, wenn Sie das so empfinden, dann kommen Sie her und unterhalten Sie sich mit Herrn Münchhausen! Ihr müsst ihm ein Mikrofon geben, ich verstehe ihn nicht! Übersetzen Sie es!

MÜNCHENHAGEN: (Zum Zwischenrufer) Einwurf ist so weit gestattet, Sie werden im Augenblick auch nicht rausgetragen, ich ver­sprechs Ihnen... Nein, er beleidigt Sie nicht...

KINSKI: (Zum Zwischenrufer) Ich kann Sie gar nicht so beleidigen, wie Sie mir auf den Wecker gegangen sind, unmöglich! Es hat Sie gar keiner gefragt, was wollen Sie überhaupt? Oder ist das eine Massendiskussion? Dann ist es okay, dann halte ich meinen Mund!

MÜNCHENHAGEN: Nein, das fände ich schade...

KINSKI: Ist ja nicht so, dass er sich unterdrückt fühlen soll, der Arme! Vielleicht laden Sie ihn das nächste Mal ein zu der Show! Ja!

MÜNCHENHAGEN: (Zum Zwischenrufer) Jetzt muss ich Ihnen aber sagen, dass Sie nicht nur freien Eintritt, sondern auch freien Austritt haben, wenn Sie das Gefühl haben!

KINSKI: Soll das heißen, er muss noch nicht einmal bezahlen? Das ist alles gratis?! Ich habe einmal - einmal? Mehrmals! - in meinem Leben Journalisten zu Gast gehabt, fressen umsonst, saufen umsonst, sitzen umsonst in der ersten Reihe! Einer hat immer mit den Autoschlüsseln geklappert! Da habe ich gesagt: Hören Sie zu, alle - wenn er aufhört, mit den Autoschlüsseln zu klappern, werde ich die Vorstellung weitermachen - und bin gegangen! Und ich habe hinter der Bühne gesehen, wie er sich geniert hat und wie die Leute hinter ihm ihn bedroht haben! Also wer hat jetzt recht? Wer ist der Volksaufputscher dabei und wo liegt die Moral?

MÜNCHENHAGEN: Volksaufputschen finde ich auch nicht schön, Fragen andererseits, finde ich, müssen gestattet sein...

KINSKI: (Zum Zwischenrufer) Der kommt mir vor wie ein Polizist! Ich meine, was will er? Es ist ein großer Unterschied, ob einem etwas auf den Wecker geht - Fliegen zum Beispiel gehen mir unheimlich auf den Wecker, mir jedenfalls, ich kann Fliegen nicht ausstehen! Das heißt aber nicht, dass ich ihm eine klatschen will! Ich will sagen: Es ist relativ! Das ist so ein Fall, er ist völlig fehl am Platz, er hat sich eingemischt, ohne irgendeine Funktion zu haben, ist nicht mal schlimm, weil das hier nun wirklich nicht mein Laden ist! (Applaus) Ich bin hier Gast, nicht? Wenn Sie irgendwo Leute einladen zu einer Party oder was auch immer, dann sind Sie nett, logischerweise, man ist großzügig zu seinen Gästen und so. Wenn aber Leute kommen und stören, dann sagt man: Komm, komm, willst du auch was trinken? Hier! Aber geh mir nicht auf die Nerven!

MÜNCHENHAGEN: Der Unterschied ist nur: Mich hat er gar nicht so sehr gestört wie Sie!

KINSKI: Nein!

MÜNCHENHAGEN: Sie werten ihn unheimlich auf! (Applaus)

KINSKI: Hier wird immer alles so als Bonmots beklatscht, es werden die Worte so abgeschossen, dass man gar keine Zeit hat, diese zu untersuchen! Ich werte ihn nicht auf, ich mache ihn nicht wichtiger, als er ist! Es hat nur etwas zu tun mit unserer Unterhaltung! Sie haben mich ununterbrochen gefragt: Wieso darf ein Publikum nicht das oder das...? Es geht nicht um die Rechte eines Publikums, es geht um die Vereinbarung, verstehen Sie? - Wir können gerne abbrechen, ich bin froh, wenn ich schlafen gehen kann, wirklich im Ernst!

MÜNCHENHAGEN: Nein, einen Moment müssen Sie bitte noch – oder sollten Sie bitte noch...

KINSKI: Fragen Sie die Engländer! Sie wissen es ganz genau, sie akzeptieren ein Spiel, dass wissen die ganz genau, und das ist ja auch schon ganz schön was!

MÜNCHENHAGEN: In England darf aber jederzeit einer aufstehen und was sagen!

KINSKI: Ja, Moment, nein!

MÜNCHENHAGEN: Doch!

KINSKI: Nein!

MÜNCHENHAGEN: Doch!

KINSKI: Nein! Ist nicht wahr, was Sie sagen! Wir haben von einem Abkommen gesprochen! Man muss in einem bestimmten Land bestimmte Regeln einhalten, die in diesem Land üblich sind! In Italien oder wo auch immer machen die Leute immer den Blinker, also machen Sie das auch - wenn Sie es nicht machen, gefährden Sie sich und die anderen! Verstehen Sie, das ist es, was ich sagen will! Es geht nicht um die Rechte eines Publikums, ich habe doch die Möglich­keit etwas zu sehen! (Applaus) So viel Applaus gratis kriegt man normalerweise gar nicht, ohne dass man irgendwas tut...

MÜNCHENHAGEN: Sie haben doch eine ganze Menge davon gehabt!

KINSKI: Ja, aber ohne dass man irgendwas tut, ich tu ja nix... (Applaus)

MÜNCHENHAGEN: Herr Kinski, ich möchte Sie noch was ganz anderes fragen: Wieso wollen Sie auf ein Schiff gehen und wegsegeln?

KINSKI: Genauso gut könnten Sie ein Tier im zoologischen Garten fragen, das die meiste Zeit seines Lebens im Käfig war, wieso es raus will aus dem Käfig...

MÜNCHENHAGEN: Mit Tieren im zoologischen Garten ist es noch schwieriger, Gespräche zu führen als mit Ihnen! (Applaus) Und darum frage ich Sie!

KINSKI: Das ist Unsinn, das hat mit dem Ganzen, was ich gesagt habe, nix zu tun!

MÜNCHENHAGEN: Nein, nur mit dem, was ich gefragt habe!

KINSKI: Die Frage nehme ich Ihnen nicht übel, aber die kann nur kommen aus einer völligen Unkenntnis meiner Person, das ist kein Vorwurf gegen Sie, es kann mich niemand kennen, ich kenne mich selbst kaum...

MÜNCHENHAGEN: Aber so lange es noch andere Menschen gibt...

KINSKI: Die Frage ist völlig uninteressant, doch, sie ist wirklich uninteressant, das ist wirklich keine provozierende Antwort von mir! Ich habe, seit ich denken kann, an nichts anderes gedacht, als irgendwohin auf irgendeine Art abzuhauen!

MÜNCHENHAGEN: Das kann ich doch nicht wissen, deshalb frage ich doch...

KINSKI: Eben! Aber die Frage ist mir so abstrakt, ich kann sie gar nicht beantworten, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll! Es ist ja so: Jeder hat seine Realität, nicht? Es wäre ja langweilig, und ich will auch niemanden damit langweilen! Ich habe immer gesagt, ohne mich zu genieren, und ich glaube, wer darüber lacht und sich nicht damit identifzieren kann, ist ein Trottel oder Vollidiot: Ich hätte alles sein können in meinem Leben, das Furchtbarste! Ich wollte das nicht mehr und habe mir auch nie ausgesucht, Schauspieler zu sein! Es ist wie ein Ventil gewesen und hat mich auch vor vielen Dingen bewahrt in letzter Konse­quenz! Wenn man es so sieht, kann man nicht mehr fragen: Wieso wollen Sie etwas hinter sich lassen, was Sie Ihr Leben lang gemacht haben? Man kann höchstens sagen: Mein Gott, endlich liegt das hinter einem! Es ist keine Frage und keine Antwort...

MÜNCHENHAGEN: Jajaja, es ist jetzt wirklich genug, ich guck auf die Uhr: Wir haben dem Titel wirklich genügt, wir haben ein bisschen gefragt...

KINSKI: Keine Antworten gekriegt, nix...

MÜNCHENHAGEN: Wenig an Antworten gekriegt, recht spannend fand ich’s trotzdem, danke Ihnen, danke Ihnen, danke Ihnen, wir sehen uns wieder.

(Abspann)

KINSKI: War okay...? 


   

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