"NDR Talkshow" (Oktober 1985)

NDR: Klaus Kinski! Nach einem hinreißenden Fitzcarraldo, nach einem berunruhigenden Woyzeck jetzt wieder so ein richtig schöner Bösewicht! So ein verletzlicher, sensibler Mensch wie Sie - warum spielt der eigentlich immer diese Rollen? Warum spielen Sie nicht mal was, was Sie beglückt?

KINSKI: Ich versteh so schlecht, was du sagst, weil es sich immer so anhört wie die Ansage auf dem Flughafen, wo man immer hinhört, ob die Stimme von den Mädchen sexy ist, aber man versteht nicht, was sie sagen, ich versteh nicht...

NDR: Soll ich es nochmal wiederholen, meinst du, dass sich das dann irgendwann ändert?

KINSKI: Vielleicht...

NDR: Also die Rollen der Bösewichter sind etwas, was Sie besonders lieben – oder hat das was mit Geld zu tun?

KINSKI: Die Leute überall in Amerika oder in jedem Land der Erde sagen immer: Ach, Sie sind ja viel netter im Leben als im Film... Das wissen die natürlich gar nicht, weil das ja auch nicht stimmt, weil ich viel schlimmer im Leben bin als im Film...

NDR: Schöne Geschichten...

KINSKI: Ich weiß gar nicht, was du damit meinst. Aber wenigstens zahlen die im Film Geld dafür. Also – was ist die Frage jetzt?

NDR: Aber könnten wir das nicht mal abklären? Es würde mir wirklich was dran liegen, ob es immer diese Rollen mit dieser bösen Ausrichtung sein müssen oder ob es nicht noch ganz andere Rollen gibt, die man gerne spielen würde als Schau­spieler, Sie sind doch ein hervorragender Schauspieler, Sie könnten doch ganz was anderes spielen – zum Beispiel mit Herzog wieder mal, ist das geplant? - Irgendwie scheint er heute ein ausgesprochenes Frisurenproblem zu haben...

KINSKI: Ich habe wieder nicht verstanden, was du gesagt hast, aber es muss wohl amüsant gewesen sein oder vielleicht ein Miss­verständnis, sonst würden die Leute nicht lachen oder so. So bei irgendwelchen Fernsehsendungen, auch in New York und so, wurde ich gefragt: Was ist, wie denkst du über Herzog und so? Da habe ich gesagt – im Amerikanischen, im Englischen kann man es so gut sagen: He is a pain in the ass...

NDR: Naja, das kann man nicht so gut übersetzen...

KINSKI: Doch, vielleicht ein Schmerz im Arsch oder weiß ich was, okay?

NDR: Ja, so ungefähr...

KINSKI: Das soll heißen, er geht mir auf die Nerven!

NDR: Aber es kann einem doch nicht jede Frage auf die Nerven gehen...

KINSKI: Die ganze Unterhaltung kann man so nicht anfangen, das ergibt alles keinen Sinn, du bist sehr entzückend und sehr nett – ich weiß nicht, was ich antworten soll!

NDR: Aber wir können uns ja schlecht über meine Strümpfe unterhalten!

KINSKI: Oder über deinen Popo zum Beispiel...

NDR:Also Klaus, versuchen wir mal was anderes...

KINSKI: Man kann so nicht drüberreden. Du suchst dir aus... ich suche überhaupt nichts aus, es hat Zeiten gegeben, und auch heute noch, wo mich mein Agent anruft und fragt: Soll ich das Drehbuch schicken? Und ich antworte: Wozu das Drehbuch, lies du es, was habe ich damit zu tun? Sag ihnen, ich will Geld, aus, basta!

NDR: Na also, das war es doch.

KINSKI: Nein, das war es nicht!

NDR: Hat doch mit Geld zu tun!

KINSKI: Nein, wieso? Den Produzenten kenne ich, ist ein großartiger Produzent, ist sogar ein Freund von mir, mit dem habe ich vorher drei, vier Filme gedreht – und vielleicht fliegt er wieder mal auf die Philippinen und so, verstehst du? Und außerdem – das ist eine gute Geschichte, eine Action-Geschichte, und alle sagen – ich meine die, die ihn schon gesehen haben – der Film ist großartig. Und alle sind begeistert. Also okay, nicht? Was soll man da noch fragen? Was ist sonst noch zu fragen? Du kannst mir nicht erzählen, dass es dich persönlich interessiert, warum ich einen Film nach dem anderen mache, ist doch nicht wahr!

NDR: Doch, ich finde das interessant, warum jemand immer diese Bösewichter-Rollen spielt, das haben wir jetzt abgehan­delt, darauf brauchen wir uns nicht weiter auszutoben... 

 

KINSKI: Was meinst du mit 'immer solche Bösewichter'?

NDR: Ja, was ist denn das? Sind das liebenswürdige Rollen: Mörder, Killer, Geistesgestörte...?

KINSKI: Wir haben doch längst darüber gesprochen. Es gab mal einen französischen Film, da hieß es: Wir sind alle Mörder – was auf die meisten Menschen zutrifft. Wenn ich jetzt ein gebildeter und kultivierter Mensch wäre, was ich nicht bin, dann würde ich vielleicht sagen: Auch Goethe hat gesagt, ich bin nur kein Mörder, weil ich keine Gelegenheit habe, aber was ist das für ein Unsinn? Ein Mörder... ich meine, das ist eine Geschichte über eine Action, über eine Gang, über Leute, die sich gegenseitig umbringen! Jemand, der in Amerika Al Capone darstellt, hat der deswegen gleich 200 Leute umgebracht? Das ist Unsinn! Wie sagt man? Man fragt nicht solche Fragen, es ergibt keinen Sinn, hier hören 20 Millionen oder mehr Menschen zu. Man muss, ohne es zu übertreiben, einfach mal Schluss machen und anfangen, das zu reden, was vielleicht die Leute interessieren kann, das hat man alles schon so oft, also millionenfach – diesen Schwachsinn kann sich kein Mensch anhören...

NDR: Diesen Schwachsinn kann sich kein Mensch anhören!

KINSKI: Ja!

NDR: Das ist ein Standardsatz von Klaus Kinski, ich finde es zwar schwachsinnig, aber ich bin gut vorbereitet...

KINSKI: Nein, du bist wohl auch sehr gut vorbereitet, aber das hat damit nichts zu tun. Du bist sehr charmant, und ich will auch gar nicht groß auf dir herumhacken...

NDR: Aber Klaus...

KINSKI: Es ist nur: Man kann nicht, man muss irgendwann mal Schluss machen, wie sagt man, judge zu reden...

NDR: Müll!

KINSKI: Müll! Es ist Müll! Okay, haben wir ja lange genug drüber gesprochen, brauchen wir uns nicht weiter drüber zu unterhalten, aber...

ZUSCHAUERIN: Was hat man Ihnen eigentlich für Filme angeboten?

KINSKI: Das ist doch... man hat mir alles angeboten!

ZUSCHAUERIN: Ja, aber...

KINSKI: Lass mich doch mal ausreden! Sind wir hier vor Gericht, habe ich mein Auto falsch geparkt? Was soll der Quatsch, entweder man unterhält sich...

ZUSCHAUERIN: Das sind doch alles nur...

KINSKI: Nein, Moment, ich mein ja gar nicht Sie.

ZUSCHAUERIN: Ach so...

KINSKI: Ich habe 200 Filme gemacht, mir hat man mindestens 2000 angeboten! Na gut, das ist aber nicht dein Problem!

ZUSCHAUERIN: Nein, mein Problem ist es nicht, aber ich möchte es gerne wissen!

KINSKI: Oh, ich wurde schon so oft gefragt: Klaus, du machst so viel Quatsch im Leben, warum machst du nicht mal einen komischen Film? Sage ich: Okay, wieviel, how much? Wieviel zahlst du?

ZUSCHAUERIN: Blödsinn!

KINSKI: Was heißt hier Blödsinn? Dieser Quatsch, den die Schauspieler erst erzählen, dieser Mist, den die da runterleien, sagen: Habe ich gerade eine dramatische Rolle gespielt, mache ich mal einen komischen Film! Na und, who knows, who cares? Anders gesagt: Okay, habe ich gerade einen Abenteuerfilm gedreht, mache ich mal einen Actionfilm! Ist doch alles ganz unwichtig, ist doch nur, wie ich dieser Frau vom Playboy gesagt habe: Du willst doch nur deine Seiten füllen, wozu soll ich dir ein Interview geben und dein Buch füllen? Das ist alles dasselbe, ob ich jemand zum Tode verurteilt bin oder ein Dirigent mit einem Orchester, das ist old super­market shit! Da sagt die: Yes, that’s true! Und – wenigstens hat sie es zugegeben! Okay? Man muss nicht ein­fach nur durch die Luft reden, so einen Blödsinn, es geht schon seit 20 Jahren so...

NDR: Es geht ums Ernstnehmen, Klaus...

KINSKI: Nein!

NDR: Ich nehme Sie ernst!

KINSKI: Na, das hoffe ich doch!

NDR: Ich habe nämlich auch Ihr Buch gelesen. Villon zum Beispiel ist für mich völlig assoziativ mit Ihnen, nicht?

KINSKI: Ich habe ja gesehen, sie hat einen entzückenden Popo...

NDR: Ach du lieber Gott...

KINSKI: Was auch immer der Grund ist! Alles andere ist Quatsch... ich brauche keine Komplimente von dir, es ist ja sehr nett, dass du mir ein Kompliment machen willst...

NDR: Ich will kein Kompliment machen, ich wollte etwas ganz Normales, Sachliches sagen, dass zum Beispiel aus dem Buch hervorgeht, das haben Sie, Herr Kinski, gesagt, dass Sie immer auf der Suche nach der Ursache von Leid und Elend gewesen sind, wenn Sie das in einer Autobiografie schreiben...

KINSKI: Wo steht das? Schlag auf!

NDR: Moment...

KINSKI: Moment...

NDR: Oh lieber Gott... das finde ich jetzt nicht, aber hier steht etwas Ähnliches...

KINSKI: Aha...

NDR: Nein, Klaus! Hier steht etwas Ähnliches: Sie hätten den Vater Ihrer ersten Frau besonders geschätzt, weil er erkennen konnte, dass ich, Klaus Kinski, im Grunde meiner Seele verzweifelt bin und darum ringe, meinen Weg zu gehen...

KINSKI: Ah, der war sehr nett, ich habe immer unter Brücken geschlafen, und der hat mir immer eine Decke gebracht, zum Zudecken. Ja! Ist ja nichts besonderes! Aber was hat der Mann damit zu tun?

NDR: Aber der Mann war doch okay? Ihr Schwiegervater...

KINSKI: Ja, er war okay, er hat das verstanden, dem musste ich nicht großartig erklären, wie ich es wagen konnte, mit seiner Tochter zu schlafen, ohne dass ich Millionär bin oder ein Bankkonto habe – er nicht! Aber was hat der Mann damit zu tun?

NDR: Es ging mir um die Zwischentöne, und die klangen irgendwie durch!

KINSKI: Du versuchst doch nichts anderes, was keinem jemals gelungen ist: Du versuchst mich in die Enge zu drängen!

NDR: Nein, das versuche ich nicht, ich wollte nur von Klaus Kinski etwas anderes hören...

KINSKI: Das ist sinnlos! Ich kann dir antworten, was ich immer ich will - immer ich will, auch das Gegenteil, du musst alles glauben, weil ich dich dazu zwinge, alles zu glauben! Es ist völlig sinnlos, diese Art von Unterhaltung zu führen! Wenn man eine Unterhaltung führt, dann, wenn man auf auf andere Menschen eingeht, speziell - sonst ist es uninteressant und eine Zumutung vielleicht, finde ich!

NDR: Dann sprechen wir doch darüber!

KINSKI: Ihr bekommt eure Fragen alle aus dem Computer, das ist also nichts besonderes, nur man muss irgendwann mal Schluss machen, ich habe es in Amerika gesagt, in jedem Land der Erde, immer wieder: Man muss aufhören mit dem Blödsinn! Man kann es sich antun, aber immer wieder den gleichen Dialog, ist ja nicht auszuhalten...

NDR: Lassen wir ihn mal das Thema bestimmen! Worüber würden Sie gerne reden, Herr Kinski?

KINSKI: Ich will das Thema überhaupt nicht bestimmen! Ich habe keine Ambition, hier große Zwischentöne zu machen, ich habe die größten Sachen abgelehnt, die es gibt, in Amerika...

 

NDR: Aber warum sind Sie dann hier, Klaus?

KINSKI: Ich habe doch gesagt, der Produzent ist ein großartiger Mann! Ich bin hier, weil er mich gefragt hat! Es ist eine Riesenanstrengung, 20 000 km zu fliegen, ist mein Problem, nicht euers, einmal zugesagt, halte ich mein Wort, aber das bedeutet nicht, dass ich mir hier... na, wie sagt man?

NDR: Den Kopf schwer mache?

KINSKI: Nein, ich wollte was anderes sagen, ich wollte onanieren sagen... dümmlich...

NDR: Ich finde diesen Standpunkt völlig richtig, man macht es, weil man sich verpflichtet hat...

KINSKI: Clever, noch ist es originell, dass ich so antworte, es ist ganz natürlich für mich! Ich habe nie etwas anderes gesagt, als was ich dachte!

NDR: Ich wollte Sie noch etwas anderes fragen, weil ich Sie in einem Film gesehen habe...

KINSKI: Welchen?

NDR: Fitzcarraldo!

KINSKI: Ah ja, okay!

NDR: Sind Sie auch im wirklichen Leben ein solcher Opfernfan wie die Figur, die Sie dort darstellen, haben Sie ein solch leidenschaftliches Verhältnis zur Oper?

KINSKI: Nein, ich habe mal, aber aus ganz anderen Gründen, das ist also faszinierend, mit meinen Ohren an Riesen­laut­sprechern Caruso-Platten gehört, einfach weil mich der Mann ungeheuer fasziniert hat, ich konnte auch die Musik von Paganini hören, jahrelang, mit Riesenlautsprechern, das Ohr dran, einfach weil es eine Vibration hat, es hat fast mit Wildnis was zu tun, diese Schwingungen, wie sagt man, it’s wild... Oper? Ich war nie in einer Oper in meinem Leben, noch nie - in einer Oper! Könnte ich gar nicht aushalten, das Gehuste und Geklatsche von den Leuten!

NDR: Mit dem Gehuste und dem Geklatsche haben Sie völlig recht!

KINSKI: Ich war einmal in Wien, da haben die mich interviewt, oder im Burgtheater in Wien, da sagt man mir: Sie haben erreicht, was Vivaldi und keiner erreicht haben, in der Oper, da husten die Leute, und bei mir husten die Leute nicht, weil ich sage: Halt’s Maul, beweg dich nicht mehr, oder ich geh von der Bühne! Okay? Und sie haben sich nicht mehr bewegt! Na gut, wenn sie nicht wollen, geh ich nach hause, ganz einfach, wie sagt man...?

NDR: Ehrlich, ja. Tut mir leid, ich muss Ihnen schon wieder zustimmen, Sie haben die Leute, die im Theater husten, viel zu wenig beschimpft für meinen Geschmack!

KINSKI: Darum geht’s ja gar nicht, aber es gibt ja immer so Oberschlaue wie beim Radrennen, uh-uh, aber das ist ja völliger Blödsinn, alles so ein Quatsch! Ich habe Vorstellungen gemacht vor 20 000 Leuten allein auf der Bühne, na gut, ich will jetzt hier kein großes Mitleid erregen, sondern ich meine: Vier Stunden allein auf der Bühne, da gibt es einfach bestimmte Konditionen, die man verlangt, aus! Und dann dieses Mädchen hier, wie heißt die noch?

NDR: Desiree Nosbusch!

KINSKI: Ja, die mag ich gerne, einfach persönlich, ich hätte mich doch nie im Leben einladen lassen, habe doch überhaupt nix damit zu tun! Die hat mich gebeten: Mach es für mich, das ist für mich so wichtig, und ich sage: Okay, ich mochte sie wirklich gern... okay, wir haben uns so verabschiedet...

ZUSCHAUERIN: Wie gern?

KINSKI: Sehr gern! Was heißt wie gern? Sehr gern, regelrecht gern, ja!

NDR: Dann erzählen Sie doch davon!

KINSKI: Na, ich sprech doch dauernd! Und dann sagt man mir: Diese Dümmlinge und diese Dummköpfe haben den ganzen Tag gedreht! Was die hinterher mit dem Material machen, dafür sind doch weder sie noch ich verantwortlich! Und dann sitzt man im Hotel und sagt: Talk-Show? Nee, ich will heute nicht! Und morgen sage ich übermorgen, und irgendwann sagt man dann okay. Wenn einer...

NDR: Außerdem amüsiert er sich doch dabei, nicht? Irgendwo... und bei dem Gerede ganz bestimmt...

KINSKI: Diese Franzosen, wie nennt man die? Filmfreaks, nicht? Da sagt man mir: Hach, natürlich, Sie machen es nur für Geld, aber nun kommen Sie, das ist doch ein Witz, und nun erzählen Sie mir, das ist doch nicht wahr! Da sage ich ja, ich weiß nicht, was Sie hören wollen! Die weigern sich zu akzeptieren, was du sagst! Natürlich mache ich es für Geld, nur für Geld!

NDR: Tja...

KINSKI: Und zwar so sehr nur für Geld, dass das Geld immer im voraus bei der Bank hinterlegt ist und alles, logisch! Was ist daran so speziell? Es ist überhaupt nicht speziell! Jeder macht es nur für Geld!

NDR: Das ist richtig, aber wenn man so einen Film macht, dann hat man ja auch eine gewisse Verantwortung!

KINSKI: Die habe ich immer, ich werde ja dafür bezahlt, sogar sehr hoch bezahlt! Da wir gerade über Fitzcarraldo reden, ich kann ganz easy, leicht nachprüfen, welchen Film ich gemacht hatte und welche Verantwortung ich einzuhalten - auszuteilen hatte! Wie sagt man? Ich kann das im Deutschen nicht...

NDR: Eine Hypothek aufnehmen?

KINSKI: In anderen Ländern sieht man das viel natürlicher! In Amerika, da lacht man drüber, weil – da weiß man – na gut, es macht mir auch keinen Spaß, dass man alles Job nennt, aber das ist eine pesönliche Ansicht! Ich habe in einem Interview in Amerika gesagt: Ich bin eine Hure, was ist verboten daran? Ich bin eine Hure, ich verkauf das! Nicht? Hure ist ja auch nur ein Wort, das Leute erfunden haben!

NDR: Ich wollte es noch mal anders versuchen, Herr Kinski...

KINSKI: Ich kann auf solche Fragen – Entschuldigung, ich will das nur sagen – einfach nicht antworten!

LEUTENEGGER: Klaus?

KINSKI: Ah, mein Freund...

NDR: Klaus Kinski hat heute Geburtstag, man glaubt es nicht. Das letzte Jahr vor seinem 60. Geburtstag: Er feiert hier mit uns seinen 59. Geburtstag, da sind wir ganz stolz drauf. Ob es eine Feier wird, wussten wir noch nicht, das sollte sich erst nach Mit­ter­nacht herausstellen. Unsere Geburtstagsüberraschung für Klaus Kinski ist Hans Leutenegger, erstens war er mal Olym­pia­sieger, zweitens ist er ein richtig schöner Großindustrieller in Genf und drittens, ganz neu, Schauspieler und Kollege von Klaus Kinski in dem Film „Kommando Leopard“. Wie war die Zu­sammenarbeit? Da der Klaus sich so gefreut hat, sieht es so aus, als ob sie sehr gut war.

LEUTENEGGER: Ich muss sagen, nach dem dritten Tag war sie sehr gut...

NDR: Wie waren der erste und der zweite Tag...?

LEUTENEGGER: Er war mein Lehrmeister, und er wird mein Lehrmeister bleiben.

NDR: Sie haben vor, in der Branche zu bleiben?

LEUTENEGGER: Ja, ich will nach Amerika. Amerika braucht Nachwuchs...

NDR: Aha...

LEUTENEGGER: Meine Firma ist 21 Jahre alt. Ich muss aber auch sagen: Er ist einer der ganz wenigen großen Sportler, die ich kenne. Ich habe 35 Liegestütze gemacht, und er hat 50 geschafft.

 

NDR: Haben Sie auch sein Buch gelesen? Nach dem Buch könnte er auch Kunstturner sein, mühelos, bei seinem Sex­pro­­gramm.

LEUTENEGGER: Er könnte allerhand sein.

NDR: Ich habe mich sowieso gefragt: Jemand, der mit so viel mangelnder Liebe von seinem Beruf spricht und Schauspielerei eigentlich gar nicht so schön findet, der könnte doch eigentlich ganz was anderes machen.

KINSKI: So hat man zuletzt in der Schule mit mir geredet...

NDR: Jajaja...

KINSKI: Was heißt das?

NDR: Diese Biografie ist eine ganz besondere, eine Biografie, bei der ich brechen muss...

KINSKI: Das erinnert mich an den einen Schauspieler, der in einem dümmlichen Film einen dümmlichen Polizisten dar­gestellt hat und die Rolle gleich mit sich identifiziert hat und in einer Talk-Show sagt: „In meinem wirklichen Leben bin ich auch ein guter Mensch, denn ich habe schon als Schau­spiel­schüler Spitzel für die Polizei gemacht und die Leute verhaften lassen, weil sie was geklaut haben, weil sie hungern...“ Ha...

NDR: Tja. Sind Sie denn inzwischen Amerikaner?

KINSKI: Ich habe so viele Leute erschossen im Film, die kann ich gar nicht mehr zählen, was hat das damit zu tun? Was hat das damit zu tun? Und dann dieses: „Mach erstmal einen komischen Film – und sei komisch!“ Das Komische ist nur, seit den Marx Brothers hat es in Hollywood gar keine komischen Filme mehr gegeben, nämlich, verstehst du? Das hängt jetzt einfach damit zusammen – du willst mich jetzt ausfragen – oh, ich klinge jetzt auch wie ein Ansager – du willst mich jetzt ausfragen, was ich mit diesen miesen, miserablen Filmen der letzten 20, 30 Jahre zu tun hatte? Was soll der Unsinn? Was habe ich damit zu tun? Ich brauchte Geld! Ich habe jedes Geld genommen, das ich konnte, okay?

NDR: Haben wir inzwischen alles verstanden, auch der letzte Idiot hat es verstanden...

KINSKI: Na gut, aber er wollte anders fragen.

NDR: Ja, ich wollte es eigentlich nur anders versuchen, Herr Kinski...

KINSKI: Und dann machen wir auch Schluss damit!

NDR: Dann machen wir wirklich Schluss damit! Ich wollte von Ihnen nur noch eines wissen: Ob es eine Wunschrolle noch gibt. Gibt es irgendeine Rolle, die Sie gerne noch spielen würden – ohne Hin oder Her?

KINSKI: Spielen, das Wort Spielen... es ist wirklich anstrengend. Man muss die Vokabeln richtig setzen, nicht? Mir hat man in einem Interview in Frankreich gesagt, ich wäre so ordinär, weil ich den Worten einen anderen Sinn gebe. Ich habe immer gesagt, seit 30 Jahren, ich habe nie gespielt in meinem Leben. So wie hier, ich komme hier rein – ich habe nix gegen das Mädchen, die ist sehr nett – aber überall in der Welt heißt es: „Herr Kinski schminkt sich nicht!“ Und dann die Antwort: „Jaja! Hier ist der Schminkraum!“ So als ob man gegen die Wand geredet hätte! Es steht überall und überall... ich habe keine Wunschrolle. Überhaupt: Wunschrolle, diese ganzen übernommenen Worte, die gibt es eigentlich gar nicht! Was soll ich dazu sagen? Ich kenne es nicht! Natürlich möchte man lieber mit Leuten einen Film machen, die man gerne mag, oder man mag das Land lieber. Ich mache nicht Theater, weil es Selbstmord ist, was mein eigenes Problem ist, weil es sich nicht lohnt, sich vor 2000 Leuten langsam umzubringen, it is unhealthy, okay? Es ist ungesund! Ich weiß, warum ich das sage! Mit Leutenegger würde ich lieber einen Film machen als mit jemanden, den ich nicht mag, oder mit dem Produzenten Dietrich aus der Schweiz...

NDR: Warum mögen Sie ihn denn?

KINSKI: Weil er ein fantastischer Mann ist, ein prima Kerl! Da brauchen wir gar nicht lange drüber zu reden!


   

Eigene Webseite von Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!